Wasser langsamer machen, zerstörerische Kraft bremsen
Hochwasserschutzkonzept regional

Unsere Dörfer entlang der Gera sind hochwassergefährdet. Ein nationales Hochwasserschutzkonzept wurde entwickelt, in dessen Rahmen der Bereich zwischen Kühnhausen und Gebesee eine Schlüsselposition einnimmt. Der Hochwasserschutz entlang der Gera hat nicht nur Auswirkungen auf die Unstrut, sondern auch auf Saale und Elbe. 

Und weil die Bedingungen vor Ort neben vielen Gemeinsamkeiten durchaus auch Spezifika aufweisen, wollen wir die Schutzmaßnahmen zum einen in ihrer übergeordneten, regionalen Funktion als auch in ihrer konkreten Ausbildung in den einzelnen Dörfern beleuchten. Um ein Verständnis für die Gesamtzusammenhänge einerseits und die konkreten Umsetzungen andererseits zu erleichtern, beginnen wir mit dem ‚Großen Ganzen‘, dem Konzept für die nördliche Geraaue auf insgesamt 11 Kilometern Länge.

Die Deiche rechts und links des Flusses wurden in der Vergangenheit nah an das Flussbett gebaut, sie begradigten den Flussverlauf und wurden – je nach Ausmaß von Hochwasserereignissen – immer wieder erhöht. Entstanden ist so über viele Jahrzehnte ein nahezu geradlinig verlaufender Fluss, eingezwängt in hohe Deiche. Mit den in dieser Weise gestalteten Deichanlagen wollte man erreichen, dass möglichst viel landwirtschaftliche nutzbare Fläche zur Verfügung steht, die in unserer Region fruchtbare Böden aufweist.  Das Wasser verläuft damit weitestgehend ohne Mäander, das Flussbett weist kaum eine Biegung auf, und diese Bedingungen – hohe Deiche, relativ gerader Flusslauf – erhöhen die Fließgeschwindigkeit des Wassers, insbesondere dann, wenn viel davon im Flussbett ist. 

Die dem Hochwasserschutzkonzept zugrunde liegenden Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die jetzigen Deichanlagen weder dem Stand der Technik noch den aktuellen Anforderungen Rechnung tragen. Das bedeutet, dass unsere Deiche bruchgefährdet sind. Das Wasser könnte aber auch über die Dämme schwappen. Der Deichfuß weicht schnell auf bzw. durch. Wasser tritt dort aus dem Flussbett aus. Je höher der Deich, der überschwemmt wird oder bricht, desto höher auch die Geschwindigkeit und damit die Wucht des austretenden Wassers. Gefälle und Breite eines Wasserverlaufes – sei es im Flussbett oder beim Austreten – bestimmen die Geschwindigkeit und die Kraft, die das Wasser entwickelt. Hinzu kommt, dass sich, wie letztlich an der Ahr, nicht nur das Wasser bewegt, sondern, dass sich regelrechte Walzen aus Schlamm, Gegenständen, vielleicht geparkten Autos bildet, die die Wucht noch einmal verstärken. Die Schnelligkeit, mit der solche Ereignisse eintreten können, hat man ebenfalls an der Ahr beobachten können. Es habe nur zehn Minuten gedauert, bis das Wasser die Ortslage erreicht hat, schilderten Anwohner im Katastrophengebiet. Zu wenig Zeit für 180 Menschen, auch nur ihr Leben zu retten. 

Das Hochwasserschutzkonzept sieht deshalb vor, dem Fluss, respektive dem Wasser, mehr Raum zu geben, es in die Breite fließen zu lassen. Zudem sollen Mäander geschaffen werden, die – wie in Walschleben an der Gerabrücke bereits neu angelegt – das Wasser im Fluss abbremsen. 

Dazu gehören als wichtigste Maßnahmen: 

  • Ein weitgehender Rückbau der vorhandenen Deiche, 
  • Schaffung neuer Hochwasserschutzanlagen, die dem Fluss mehr Breite bieten, 
  • Anlegen und Entwickeln  von  Sekundärauen im Flussbett, 
  • Abschnittweise Geländemodellierungen, 
  • An geeigneten Stellen eine noch größere Aufweitung des Flussbettes über die Sekundäraue hinaus,
  • Schaffung von baulich-technischen Abflussmöglichkeiten in Auen-, Überflutungs- also Polderflächen
  • Reaktivierung von Überschwemmungsflächen
  • Schaffung von Teilschutzanlagen für die landwirtschaftlichen Flächen
  • Anordnung von Wegen, die der Deichverteidigung dienen und ansonsten als Rad- und Wanderwege genutzt werden können,
  • In verschiedenen Bereichen werden technische Bauwerke wie Spundwände errichtet,
  • Neuanlage einzelner Brücken

 Diese Maßnahmen bewirken, dass die Grundgeschwindigkeit des Wassers im Flussbett verringert, da es breiter wird. Dass das Wasser sich zudem in die zwischen Flussbett und Deich geschaffenen Flächen ausbreiten kann, also bevor es überhaupt den Deich erreicht. Durch die konsequente Rückverlegung der Deiche und Ausbreitung des Wassers in den Überschwemmungsflächen wird sich der Wasserstand bei Hochwasserabflüssen deutlich reduzieren. Dadurch können die Hochwasserschutzanlagen in geringerer Höhe und als kompakte Bauwerke errichtet werden. Die geringeren Wasserspiegel der Gera bei Hochwasser bewirken auch einen deutlich niedrigeren Grundwasseranstieg in den geschützten Bereichen. 

Die Teilschutzanlagen für die landwirtschaftlichen Flächen schützen vor kleineren Hochwasserereignissen, werden bei mittleren und größeren aber sanft und langsam überflutet, so dass sich das Wasser allmählich und mit geringer Geschwindigkeit ausbreiten kann. Damit entwickelt es weniger zerstörerische Kraft. Auch erhalten diese einstigen Auenflächen ihre ursprüngliche Funktion zurück. 

Die Deichverteidigungswege dienen dazu, im Falle eines Hochwassers den Deich mit Fahrzeugen und ggf. auch schwerem Gerät zu erreichen. Das war eines der Probleme 2013. Der Deich war durch Regen und Wasserlauf aufgeweicht, am Deichfuss trat Wasser aus, der Deich konnte nur noch mit Helikopter erreicht werden, um Sandsäcke zu positionieren.

Die Mahlgera findet im Konzept ebenso Berücksichtigung wie die Grabensysteme in den Orten. Wie sich das Konzept konkret in den Dörfern Elxleben, Walschleben, Andisleben, Ringleben und Gebesee auswirkt, stellen wir in nachfolgenden Beiträgen vor.

Autor: B. Köhler.  Foto: S. Forberg

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