„Schwere Kost“, doch ein überlebenswichtiges Thema in unseren Orten

Dass es vor wenigen Wochen im Westen und Süden der Republik eine Hochwasserkatastrophe biblischen Ausmaßes gegeben hat, belegt einmal mehr, wie wichtig ein umfassender Schutz ist. Unsere Dörfer entlang der Gera sind stets hochwassergefährdet. Beim letzten großen Hochwasser 2013 ist der Kelch einer Überschwemmung an uns vorübergegangen, nicht zuletzt, weil die Bürger die Feuerwehren unterstützten, Sandsäcke füllten und am Deichfuß platzierten, solange, bis nur noch ein Helikopter die kritischen, vom Durchbruch betroffenen Stellen erreichen konnte. 

Das aber ist Geschichte und es galt, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, schützende Maßnahmen zu planen und vor allem umzusetzen. Dass es bei der Umsetzung seit nunmehr acht Jahren scheinbar eher langsam vorangeht, liegt auch daran, dass die Konzepte, wie einem künftigen Hochwasser beizukommen ist, komplex, umfassend, vielschichtig und nicht unumstritten sind.

Ziel ist es, die Orte, insbesondere die Wohnlagen, vor einem so genannten HQ 100 – einem Jahrhunderthochwasser – zu schützen. Dabei erreicht bzw. überschreitet der Pegel eine Höhe, die das Gewässer nur einmal in hundert Jahren aufweist. Da es sich um einen statistischen Mittelwert handelt, kann ein Jahrhunderthochwasser durchaus mehrmals in hundert Jahren auftreten wie die Wetterunbilden in den Jahren 1994 und 2013 lehrten. Der Wert bildet dennoch eine wichtige Grundlage zur Dimensionierung der Hochwasserschutzanlagen.

280 Millionen Euro von der Europäischen Union, vom Bund und vom Freistaat bereitgestellt, sind die wirtschaftliche Basis für das „Thüringer Landesprogramm zum Hochwasserschutz bis 2020“, das rund 3.000 große und kleine Maßnahmen umfasst. Für den Deichbau im Bereich Kühnhausen, Elxleben, Walschleben, Andisleben, Ringleben bis nach Gebesee stehen ausreichend Mittel  zur Verfügung und er gehört damit zu den Referenzprojekten im bundesweiten nationalen Hochwasserschutzprogramm.

Bereits 2015 anlässlich der Präsentation des Hochwasserschutzkonzeptes konstatierte die damals zuständige Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG): „Die bestehenden Deiche sind nicht in der Lage die Ortslagen vor einem HQ 100 zu schützen. Sie entsprechen nicht dem Stand der Technik und sind im Hochwasserfall bruchgefährdet. Durch die Einengung des Abflussquerschnittes wird der Wasserspiegel im Hochwasserfall stark angehoben und dadurch eine zusätzliche Gefährdung erzeugt. Im Falle eines Dammbruches könnten Schäden in Höhe von rund 50 Millionen Euro entstehen. Die Lösung des Problems: Ein differenziertes Hochwasserschutzsystem, das im Kern eine Rückverlegung der Deiche beinhaltet und damit dem Fluss mehr Raum gibt.“

Bereits am 22. Juni, also vor den Unwetterereignissen im Westen, haben wir uns mit Bürgermeister Hans Vollrath und Stellvertreter Enrico Gropp in Andisleben getroffen, um uns die spezifischen Bedingungen vor Ort anzuschauen. Danach trafen wir uns mit Elxlebens Bürgermeister Heiko Koch und auch mit Marcel Bube, Bürgermeister von Walschleben.

Zudem war für uns unverzichtbar, mit der jetzt im Auftrag des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz tätigen Thüringer Landgesellschaft die Dinge aus fachlicher und planerischer Sicht zu beleuchten. Dort haben wir umfangreiche Erläuterungen und Planungsunterlagen zur Ansicht erhalten. 

Es bietet sich ein Bild, dass komplex, vielschichtig und für den Laien nicht immer einfach zu verstehen ist. Dennoch nahmen wir aus allen Gesprächen mit: Planer, Behörden, Bürgermeister und Gemeinderäte wissen um die Wichtigkeit des Themas, agieren verantwortungsbewusst im Interesse der Menschen in unserem Landstrich. Dass es – von außen betrachtet – nicht schnell genug vorangeht, relativiert sich, wenn man erkennt, wie weitreichend die Auswirkungen der Errichtung neuer Schutzanlagen sind, die alle betrachtet und abgewogen werden müssen. Da geht es um den Schutz unserer Ortslagen ebenso wie um den von landwirtschaftlichen Nutzflächen, um den Schutz von Tieren und Pflanzen, um Auswirkungen auf Luft und Klima und auf das Landschaftsbild. 

 Schon aus dieser Vielzahl der zu berücksichtigenden Dinge wird erkennbar, dass es immer widerstreitende Interessen geben wird. Diese sind gegeneinander abzuwägen. Hinzu kommt die Betrachtung der einst künstlich angelegte Mahlgera und die Grabensysteme in den Ortschaften.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass das Hochwasserschutzprogramm ein nationales ist. Wer weiß denn schon, dass die Gera Auswirkungen auf die Elbe hat und zuvor auf die Saale? 

Regionale oder lokale Egoismen würden bewirken, dass der eigene Ort (vielleicht) geschützt wäre, es aber an anderer Stelle zu verheerenderen Auswirkungen eines Hochwassers kommen könnte. 2013 könnte man als eine Zeitenwende betrachten – als die Einsicht, dass es wie bislang nicht weitergehen kann. Dass die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit zu betrachten sind, wir uns ansonsten mit Vorkommnissen wie an der Ahr konfrontiert sehen könnten.

In unserer Reihe Hochwasserschutz, die wir in den nächsten Tagen und Wochen veröffentlichen, möchten wir viele Informationen so verständlich wie möglich an unsere Leser weitergeben. Wir holen uns dabei fachlich kompetenten Beistand. Es braucht Ihre Geduld beim Lesen, die Dinge aufzunehmen – „schwere Kost“ könnte man sagen, aber unerlässlich. 

Fortsetzung folgt am Donnerstag

 

Autor B. Köhler. Foto: S. Forberg

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